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Drei Gedanken zum europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung, dem 5. Mai 2021

  1.  In wenigen Tagen soll das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz verabschiedet werden. Klingt toll, regelt die Barrierefreiheit von Produkten und Dienstleistungen, allerdings nicht die bauliche Barrierefreiheit im Gegensatz zur zugrundeliegenden EU-Richtlinie. Was bedeutet das?

Da wäre zum Beispiel der Geldautomat als solcher barrierefrei, aber die Bank wäre nicht verpflichtet, die Stufen vor dem Geldautomaten durch einen ebenen Zugang oder eine Rampe zu ersetzen.

Das Gesetz braucht Formulierungen zur baulichen Barrierefreiheit. Und es muss zügig in Kraft treten ohne lange Übergangsfristen.

Vielleicht wollen Sie hier unterstützen:

https://barrierenbrechen.de/2021/03/24/barrierefreiheitsrecht-schreibe-deinem-abgeordneten-im-bundestag/

oder hier:

https://www.change.org/p/schluss-mit-diskriminierung-barrierefreiheitsrecht-f%C3%BCr-menschen-mit-behinderung-jetzt-peteraltmaier-hubertus-heil-bmas-bund-bmwi-bund

2. Seit März sollten Menschen mit Behinderung in Wohneinrichtungen ein Impfangebot gegen Corona bekommen. Nun haben wir einen Corona-Ausbruch in einer Wohneinrichtung im Odenwald. Eine überbordende Bürokratie hat wohl die rechtzeitige Impfung der Bewohner*innen verhindert.

Es macht mich immer wieder wütend zu sehen, was mit Menschen mit Behinderung in der Pandemie passiert ist: Oft wurden sie nicht mitgedacht, nicht hinreichend geschützt oder extrem in ihren Kontakten beschränkt. Wie überall im sozialen und pflegerischen Bereich ist das Personal knapp und hoch belastet. Wir brauchen viel mehr Personal mit attraktiven Arbeitsbedingungen. Die Pandemie hat die Defizite in Teilhabe und Pflege sehr deutlich gemacht.  

3. Wir haben uns als Gesellschaft entschieden, dem Infektionsschutz einen sehr hohen Rang einzuräumen. Das ist und war gut so. Das hat aber auch einen hohen Preis, besonders für die Kinder und Jugendlichen. Es muss uns klar sein, dass besonders kleine Kinder von der Pandemie nachhaltig geprägt sein werden, dass ihnen u.U. Entwicklungsschritte fehlen. Es wird nicht allein mit der Aufhebung der Kontaktbeschränkungen getan sein, wenn die Pandemie vorbei ist. Gerade Kinder werden intensive und vielleicht auch langjährige Förderung brauchen, damit aus den pandemiebedingten Entwicklungsverzögerungen möglichst keine andauernden Behinderungen werden. Und vielleicht werden wir auch realisieren müssen, dass das eine oder andere Entwicklungsfenster sich geschlossen hat, manche Kinder vielleicht ihr Leben lang Mühe mit Kontakt haben oder sprachliche Probleme behalten. Ja, Eltern können vieles kompensieren, aber es hat Auswirkungen, wenn Betreuungspersonen den Kindern dauerhaft mit Maske begegnen oder wenn verlässliche Angebote wegfallen.

Wir brauchen endlich das, was ohnehin schon so lange vonnöten ist: kleine Klassen, guter Personalschlüssel in Kita und Schule mit guten Arbeitsbedingungen für das Personal, genügend Therapieplätze für Kinder, außerdem endlich wieder die Jugendarbeit in Vereinen und Kirchen und vielleicht darüber hinaus auch bürgerschaftlich organisierte Angebote für alles, was noch fehlt. Unsere Gesellschaft muss jetzt zusammenstehen, um den Kindern eine gute Entwicklung zu ermöglichen und den Eltern Raum zu Erholung zu geben.

Dieser Beitrag gibt meine persönliche Einschätzung zum 05. Mai 2021 wieder. Gabriela Hund